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Animals don’t cry

Das Animalische hat Konjunktur. Eine Tanztheaterproduktion der Wiener Festwochen setzt auf das Tierische. Und provoziert Irritation, Erschrecken, Langeweile, ja Ablehnung.

Mehr als zwei Stunden lang sehen wir einer Handvoll ProtagonistInnen dabei zu, wie sie fahrig, ziellos gestikulieren, mechanisch zwerchfelllachen, schrill zittern, aufeinander losspringen wie Böcke, zwischen einer übergroßen Hundehütte und einem ortlosen Familientisch hin und her trappeln – wie für sechs Unbezogene die Umgebung im Lärmen der eigenen Triebe zu einer einzigen realen Formation mutiert. Die Musik hat nichts Linderndes. Dicht wie das Korbgeflecht einer chimärenartigen Mischung aus Riesenphallus und zerdehntem Uterus, die neben der Hundehütte den Bühnenraum bestimmt, lassen auch die Tonfolgen keinen Zweifel: Es wird nicht dargestellt, es wird im Sein gewatet.
Das Animalische ist erschreckend. Abstoßend. Im besten Fall langweilend. Im Unterschied zum Vegetabilen ist Ortsveränderung durch Bewegung möglich. Was aber fehlt, ist eine  zielgerichtete Artikulation zur Umformung von dröhnendem Unbehagen in einen Wunsch oder eine konflikthafte Aushandlung. Ohne solche Symbolisierungsgelegenheit bleibt alles einförmig, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Höhepunkt und ohne Niedergänge. Wie in Deleuze’s organlosem Körper. Verluste sind nicht vorstellbar. In Meg Stuarts Stück wird keine Träne vergossen.
Die Konjunktur des Tierischen hat verschiedene Ausprägungsformen: Nicht oft wird das Animalische so gnadenlos ins Zentrum gerückt wie von Meg Stuart. Wir bemühen uns viel eher, den Tieren das Animalische zu nehmen. Wir denken sie uns als Familien, als Mann und Frau, als kleine Mäuschen und als lustige Krokodile. Wir ziehen ihnen Kleider an und lassen sie singen.

One thought on “Animals don’t cry

  1. 13-jähriger besteigt Mount Everest. Frank Ribery schießt ein Tor für Bayern München. Eine Wissenschaftlerin tritt in den Hörsaal und beginnt ihre Vorlesung. Alles geordnete Körperbewegungen. Zielgeleitet. Wir können aus den Bewegungen erraten, worauf das hinausläuft.

    Es irritiert, wenn jemand „herumknotzt“, „sich herumdrückt“, „wegschleicht“, „zäppelt“, nervös an seinem Bein kratzt, auf Dich zugeht und den Mut verliert. Meg Stuart hat eine Insel der Zielgestörten geschaffen. Sie besitzen die Erinnerung daran, dass ein Hund nach einem Stecken läuft. Doch das ist eine absehbare Funktionalität. Der Hund erfüllt seine Bio-Routine und die Erwartung der Zuseher. Bei Meg Stuart: No go. Der Stecken wird geworfen, den Hund allerdings muss man dem Stecken nachtragen. Der Sinn hat sich zersetzt.

    Tiere weinen nicht, doch das ist nicht der Sinn des Titels. Der liegt darin, dass die Menschen dieser Insel nicht weinen, obwohl sie keine Tiere sind. Oder vielleicht: Das Weinen ist ihnen vergangen, nachdem sie entdeckt haben, dass sie Tiere sind.

    Das Weinen wird wieder kommen, wenn sie merken, dass sie nicht weinen und keine Tiere sind.

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