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Sexualität und Sexuierung in Lacans Lehre

Claude-Noële Pickmann schreibt (zum Teil in Anlehnung an Lacans Seminar XX): Freuds Entdeckung des Unbewussten impliziert die Ausarbeitung einer Theorie der Sexualität im Ausgang von zwei Prämissen.  Freud hat der menschlichen Sexualität auf der einen Seite einen Mangel an Genießen zugeschrieben. Auf der anderen Seite wird die Sexualität durch eine Zweckmittelbeziehung subvertiert, die sie mit dem Überleben der Art verbindet. Zumal das Objekt des Triebs variabel ist, bedarf es des unbewussten Fantasmas, das als Lötstelle für die sonst unverbundenen Bestandteile fungiert.

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aus: Claude Lévy-Strauss (1935), Anthropologie structurale

Die Sexuierung hat Freud männlich gedacht, weil er annahm, dass im Unbewussten nur das männliche Geschlecht als Signifikant verankert ist. Das Unbewusste kann nichts über das weibliche Geschlecht sagen, denn das ist im Unbewussten verworfen. (Cf.: Ła femme n’existe pas.) Das bedeutet nicht, dass Frauen keinen Zugang zu ihrem körperlichen Geschlecht haben. Es gibt nur keinen Signifikanten für das anatomisch Fassbare.
Die Frau wird zum Ort der Frage nach dem Anderen. Diese Frage ist der männlichen Position verstellt, denn von dieser aus gibt es nur das Eine, das Ganze, nicht den oder das Andere (kein Anderer des Anderen). Die Frau hat darüber, dass sie nicht das Ganze ist, Zugang zur Andersheit. Das Nicht-Ganze, die weibliche Seite der Erfahrung, konfrontiert mit der Inexistenz des Anderen, mit dem leeren Hohlraum, der nach seinem Verschwinden zurückbleibt. Denken im Ausgang vom Unmöglichen und der Kluft im Anderen. Das muss nicht gut gehen. Aber es kann auch Zugang zu einem Genießen des Anderen ermöglichen ähnlich wie bei bestimmten Mystikerinnen, deren Körper davon durchdrungen war. Zumindest impliziert es ein spezifisches Savoir-faire der Frau im Umgang mit der Kluft im Anderen, bei der nicht mit einer Abdeckung des Objekts, nicht mit der Tamponade einer phallischen Ersetzung und auch nicht mit einem Verschwinden des Subjekts im Genießen des anderen zu rechnen ist.
Pickmann bringt dieses Savoir-faire mit Tätowierungen im Gesicht von Caduvéo-Frauen in Zusammenhang. Claude Lévy-Strauss hat in den Dreißiger Jahren eine Reihe von Fotos dieser am Ufer des Rio Paraguay lebenden Frauen gemacht. Die Tätowierungen liest Pickmann als eine Art geheimes Wissen der Frauen, die mit dieser Hautkennzeichnung als Objekte in einen phallischen Austauschprozess zwischen Männern eintreten konnten, ohne dass die Männer wussten, wie das alles funktioniert.

Fragen:
Kommen gegenwärtige mitteleuropäische Geschlechterverhältnisse ohne derlei Geheimwissen aus?
Wenn nicht, was funktioniert wie die Tätowierungen?
Sind es Formen des Schminkens?
Und was bedeutet dann das Schminken von Männern?
Verfügen diese Männer über ein weibliches Geheimwissen oder möchten sie es sich aneignen?

Quelle: Claude-Noële Pickmann (2008): Sexualité et sexuation dans l’enseignement de Lacan, in: Marcel Drach, Bernard Toboul: L’anthropologie de Lévi-Strauss et la psychanalyse. D’une structure l’autre, Paris: La Découverte, 107-114.

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