Elektra

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Eine Beschäftigung mit dem Ödipuskomplex führt nicht nur bei Frauen zu der Frage, wie Freud für den Komplex, den er zur Beschreibung und zum genaueren Verständnis der Besetzung einer sexuellen und sexuierten Position heranzieht, so wenig Rücksicht auf das Geschlecht

der mythischen ProtagonistInnen nehmen konnte. Als wäre Ödipus vor allem bisexuell oder als wäre die Geschichte von Leben, Lieben und Sterben des Ödipus ohne weiteres auf eine von Ödipus’ Töchtern übertragbar.

Das ist sie bekanntlich nicht. Und schon Freud hat erwogen, für die Entwicklung weiblicher Liebesfähigkeit eine eigenständige Formulierung zu finden. Doch den von C.G. Jung eingeführten Begriff des Elektrakomplexes wies er unter Hinweis, dass damit eine falsche Analogie hergestellt würde, zurück (Freud 1932). Der Ödipuskomplex habe im Vollsinn Bedeutung nur für das männliche Kind (ebd., 521). Eine Analogie dazu finden zu wollen, verfehle die Verhältnisse beim Mädchen und bei der Frau. Es bleibt im Fortgang des Textes allerdings unklar, in welcher Hinsicht Freud die Analogie zurückweist.

Hendrika Freud-Halberstadt fand den Ausdruck Elektrakomplex deshalb besonders passend, weil  für das Mädchen Liebe und Hass in einem Objekt zusammenkommen, symbiotische Wünsche mit dem Verlangen nach Trennung verflochten sind. Michael Thalheimers gegenwärtig im Burgtheater gezeigte Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals (späterem Libretto zu Strauss’ Oper) Elektra lässt die Grenzen von Halberstadts Auffassung deutlich hervortreten. Thalheimers Elektra ist nicht so sehr von einem Zwiespalt zwischen einander widerstrebenden Wunschregungen geprägt als vom blanken Hass. Im Namen des Vaters, den sie kaum je genauer gekannt hat, wütet sie gegen die Mutter Klytemnästra. Jeder Ausdruck einer Annäherung an die Mutter erweist sich im nächsten Moment als strategische Täuschung. Weiblichkeit wäre, so gelesen, eine einsame Wanderung auf einem schmalen Grad zwischen Hass und Wut auf ihr eigenes Geschlecht.

Vor diesem Hintergrund ließe sich die Zurückweisung des Elektrakomplexes auch als Ablehnung von / Angst vor einer stärker libidinös geprägte Vorstellung von Weiblichkeit begreifen.

Lit.:
Freud, S. (1931): Über die weibliche Sexualität. GW XIV, 517-537.
Halberstadt-Freud, Hendricka C. (1998): Electra Versus Oedipus: Femininity Reconsidered. The International Journal of Psycho-Analysis 79, 41-56.

Burgtheater (Wien): Elektra (Christiane von Poelnitz) und Klytämnestra (Catrin Siebeck)

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