Brandmarke

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Es gibt Hinweise, dass für Psychoanalysen in Wien von den Krankenkassen längerfristig tatsächlich kein Zuschuss mehr gewährt werden soll. Ob das gut oder schlecht, wünschenswert oder abzulehnen, voraus zu sehen oder überraschend ist – das sind alles wichtige Fragen. Wie in einer Psychoanalyse, in der es darum geht, ohne Bewertung das, was symptomatisch Leiden verursacht, zu erkennen, zu deuten, ist auch hier zunächst zu überlegen, was diese Entwicklung bedeutet, in welchem Kontext sie steht und welche Rückschlüsse auf die strukturelle Verfasstheit einer Kultur zulässig sind, die sich im Moment so wenig zu wehren scheint gegen eine Marginalisierung der Sprechkur.

Anderswo hat die Psychoanalyse den zentralen Ort, den sie in der Beschreibung, der Deutung und der  Behandlung von seelischen Veränderungen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts auch im Feld der Psychiatrie hatte, aufgeben müssen. Sie hat ihn verloren an medikamentöse Lösungen für schwer zu ertragendes Leiden und an störungsspezifische Psychotherapien. Der vielerorts hoffnungsvoll aufgenommene Gedanke, dass die Aufgabe der nächsten Jahre für die Psychoanalyse vor allem darin besteht, durch intelligente Studiendesigns einen möglichst hohen Evidenzgrad für den Nachweis ihrer Wirksamkeit zu erzielen, lässt sich als ein Versuch lesen, sich dieser Entwicklung zu widersetzen.
Allerdings gibt es neben diesen beiden Transformationen – der medikamentösen Therapie und der störungsspezifischen Psychotherapie –  inzwischen eine weitere zeitgemäße Form, die Psychoanalysen wie Psychotherapien verdrängt: das zielorientierte Coaching. Es unterscheidet sich von Psychoanalysen und Psychotherapien im klassischen Sinn unter anderem durch die Bereitschaft, auf klassische Settings zu verzichten und durch die Akzeptanz der Notwendigkeit eines eindeutigen Brandings. Mit Branding ist dabei eine Kennzeichnung gemeint, die potentiellen KundInnen signalisiert, die Lösung welchen Problems sie von den TherapeutInnen kaufen können. Das therapeutische Feld wird auf dieses Weise zu einer Versammlung von ExpertInnen für Mutterprobleme, für essensassoziierte Schwierigkeiten, für eine richtige Job-, Partner-, Genussmittel- oder Wohnungsauswahl und vielen anderen, vor allem klar umrissenen Unannehmlichkeiten. (Es wäre zu überlegen, inwieweit störungsspezifische Therapien nicht auch schon Formen einer am Branding orientierten Therapieauffassung sind.)
Ein Branding ist – ethymologisch betrachtet – die Folge einer Brandmarke. Eine solche dient zur Unterscheidung von Fleisch. Eine Brandmarke ist eine eindeutige Kennzeichnung: dieses Fleisch kommt von da oder von dort. Oder: dieses Fleisch weist diese oder jene Güteklasse auf. Das eingebrannte Symbol verbindet sich mit der Sache selbst. Es gibt weder örtlich noch zeitlich eine Distanz zwischen dem Signifikanten und dem Sachobjekt, das mit dem Signifikat zusammenfällt. Der Wunsch oder besser das Bedürfnis nach einem Branding ist in diesem Sinne ein vorsprachlicher, denn Sprache im eigentlichen Sinn ist mit zeitlichen oder örtlichen Erfahrungen von Distanz verbunden, die sich als Differenzen etablieren können. Fort und Da.
Anders als Tatooes sind Brandmarken unerotisch. Und sie sind vor jeglichem Denken. Eine Kultur, die es vorwiegend auf Brandings abgesehen hat, verharrt in einem grauenvollen, durch ein frühes archaisches Überich gestalteten Genießen. Menschen in einer, von solchen Vorstellungen dominierten Kultur können sich nicht mehr vorstellen, was Lust bedeutet hat.  Und dass es Lust nur um den Preis gibt, auch Unlust zu ertragen.
Eine Kultur, die sich vor allem an Brandings orientiert, hat das Sprechen im eigentlichen Sinn noch nicht erlernt. Da braucht es vielleicht nicht so sehr zu wundern, dass sie mit Sprechkuren nicht viel anfangen kann.

 

2 thoughts on “Brandmarke

  1. “…dass für Psychoanalysen in Wien von den Krankenkassen längerfristig tatsächlich kein Zuschuss mehr gewährt werden soll.”

    Wie ist das gemeint? Sind damit jene Psychoanalysen gemeint, die über den Tiefenpsychologischen Dachverband finanziert werden?

    “Zuschuss” meint nämlich auch den kläglichen Beitrag zu Psychotherapien, und Psychotherapien werden ja auch von PsychoanalytikerInnen angeboten und durchgeführt?

    Im Falle der Analysen über den Dachverband wäre es ja kein Zuschuss, denn soweit mir bekannt ist, wird hier das gesamte Honorar von den Wiener Kassen übernommen, die AnalytikerInnen dürfen kein zusätzliches Geld verrechnen.

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