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Rendezvous mit der Kastration

daumenlutscher

Karl Stockreiter hat zuletzt den spannenden Gedanken geäußert, dass eine Psychoanalyse als ein Rendezvous mit dem Realen aufgefasst werden könnte. Angesichts von einer Vorliebe des späten Lacan und so mancher zeitgenössicher LacanleserInnen für das Reale  (oft bleibt dabei ein wenig unklar,

was mit „dem Realen“ gemeint ist), liegt eine solche Annahme im Trend einer bestimmten Lektüre. Angesichts von einer subtilen Unterscheidung, die Lacan im Seminar V (unter Rückgriff auf Seminar IV) darstellt, scheint mir eine Privilegierung eines einzelnen Registers in der Behandlung dennoch diskussionswürdig.

Die Unterscheidung betrifft den Penisneid und damit die Art und Weise, wie die Kastration als die Einführung eines allgemeinen Mangels auf ein Mädchen trifft. Lacan unterscheidet in der XV. Sitzung seines Seminar V Die Bildungen des Unbewußten drei verschiedene Formen, in denen Penisneid auftritt:

I Penisneid mit einer Phantasievorstellung: So beschreibt Lacan den Wunsch des Mädchens, dass die Klitoris ein Penis sein möge. Hier betrifft eine symbolische Kastration ein imaginäres Objekt.

II Penisneid auf den Penis des Vaters in der Realität: Das Mädchen fühlt sich benachteiligt, will den Gegenstand der Benachteiligung von der Mutter, von der es sich enttäuscht fühlt, zurückfordern. Hier bezieht sich eine imaginäre Frustration auf ein reales Objekt.

III Penisneid auf der Suche nach geeignetem Ersatz: Das Mädchen hat das konkrete Existieren des väterlichen Penis und dessen Fehlen bei sich selbst akzeptiert und sucht nach Äquivalenten in der Realität (Wunsch nach Kind vom Vater). Hier führt eine reale Privation zu einem symbolischen Objekt.

Der Weg von der symbolischen Kastration zu einem symbolischen Objekt, auf das es zu verzichten gilt, läuft, wie in dieser Überlegung sehr schön deutlich wird, über eine Reihe von Operationen im Imaginären und im Realen. Die verschiedenen Formen, in denen Mangel erfahren und die unterschiedlichen Objekte, an denen er festgemacht wird, lassen mich vermuten, dass eine Beschränkung auf ein einzelnes Register eine Reduktion der Komplexität darstellt, deren Zweck ich nicht recht sehe. Ist nicht das, was in einer Analyse wieder und wieder geschieht, treffender gefasst, wenn wir es als Rendezvous mit der Kastration ansehen?

Lit.:
Lacan, Jacques (1998): Das Seminar. Buch V. Die Bildungen des Unbewussten (1957-1958). Wien: turia + kant 2006.

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